DIE TOTEN SEELEN

DIE TOTEN SEELEN

  • Genre Schauspiel
  • Bühne Schauspielbühne
  • Premiere20. September 2014
  • Vorstellungsdauer2:10 hod.
  • Anzahl der Wiederaufführungen46
  • Derniére12. Oktober 2017

Komödien-Epopöe

Die Geschichte dieses grotesk-realistischen Romans von Gogol besteht – ähnlich wie bei seiner berühmten Komödie Der Revisor – auf einer wunderschönen Anekdote und wundervollen Mystifizierung. Es handelt sich um eine Abenteuerreise des arm gewordenen Adeligen Tschitschikow; dieser nahm vor, reich zu werden, und zwar durch Ankauf verstorbener Leibeigenen, für die die Gutbesitzer bis zur nächsten Volkszählung Steuern entrichten mussten. Für diese „toten Seelen“ will Tschitschikow eine Zuwendung oder ein Darlehen vom Staat bekommen. Seine Besuche bei den Gutbesitzern entdecken die russische pittoreske Gesellschaft jener Zeit, sowie bunte Galerie von kräftigen Menschentypen mit allen ihren spottnegativen Seiten. Gogol war ein scharfer Kritiker des herrschenden Systems und mit seinem Werk verurteilte er unversöhnlich Leibeigenschaft, menschliches Elend, Leiden und Verzweiflung; er greift Stumpfsinn, Gewinnsucht, Habsucht, Korruption und egoistische Rücksichtlosigkeit an – auch heute nötig, nicht wahr? Seine Komödien, Dramen sowie Romane haben diesen Übergriff vor allem dank ihrem einzigartigen grotesk-satirischen Humor. Die Inszenierung wird als Weltpremiere der Dramatisierung von Štěpán Otčenášek und Hana Burešová auf der Schauspielbühne aufgeführt.

Autor

  • Nikolaj Vasiljevič Gogol

Regieassistent

Kostüme

  • Zuzana Štefunková-Rusínová

Bühne

  • Tomáš Rusín

Musik

  • Petr Hromádka

dramaturgische Zusammenarbeit

  • Jiří Záviš

Čičikov

Gubernátor

Líbeznický

Psovský

Plesnivec, Zdravotní inspektor

Policejní ředitel

Poštmistr

Prokurátor

Selifan

Shánělka, Mnich

Prokurátorka, Psovská

Líbeznická, Zdr. inspektorová

Gubernátorová

Gubernátorova dcera, Fetinja

Policejní kapitán

Porifij, policajt

Policajt

GOGOL – UNSER ZEITGENOSSE

Vít Závodský 10. November 2015 zdroj Týdeník Rozhlas

Das widersprüchliche Vermächtnis von Nikolai Wassiljewitsch Gogol wird aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Ein sehr geeigneter wurde in der Dramatisierung des unvollendeten Romans Die toten Seelen gewählt, welche die Regisseurin Hana Burešová und der Dramaturg Štěpán Otčenášek für die tschechische Premiere am Stadttheater Brünn schufen. In dem berühmten Prosawerk, das dem spekulativen Versuch der betrügerischen Bereicherung gewidmet ist, arbeiteten sie präzise und ohne gewaltsame Veränderungen des Textes die Aktualität von Gogols gesellschaftskritischer Sichtweise heraus, welche die heutigen Verhältnisse in Russland ebenso wie die komplizierteren Korruptionsaffären in unserem Land erfasst. Die auf der Bühne einfallsreich umgesetzte warnende und illusionszerstörende Inszenierung setzt auf eine ausgeprägte Stilisierung und groteske Übertreibung. In der Rolle einer kabarettistischen Revue mit ausgeglichenem schauspielerischem Element glänzt Michal Isteník, der den sich gleich einem Chamäleon verwandelnden Hochstapler Tschitschikow in scharfen Übergängen zwischen der eigenen Person und der Funktion eines Kommentators verkörpert.

 

 

 

DIVADLO 23/Plzeň 2015 (No. 2): DIE TOTEN SEELEN

Ivan Žáček 11. September 2015 zdroj www.divadelni-noviny.cz

(…) Toll engagierter Michal Isteník ist die größte Devise der Dramatisierung Der toten Seelen von Gogol, die das Werk von Hana Burešová und Štěpán Otčenášek ist. (…) Fratzenhaft groteskes Drastisches gehört zu Gogol ganz organisch. Der Zusammenstoß des systematisch fleißigen Betrügers Tschitschikow und jenen allen lächerlichen Gestalten eines russischen Dorfes ist sehr gut dargestellt. Es ist offensichtlich, dass die Regisseurin Hana Burešová sich in ihrem Element fühlt, darüber hinaus entdeckte sie in Michal Isteník einen sehr formbaren Schauspieler, der scheint, für diese Aufgabe geboren zu sein. (…)

 

THEATERKRITIKPREISE: DIE TOTEN SEELEN

Vladimír Just,Vít Závodský 2. März 2015 zdroj Svět a divadlo

Vladimír Just: Der Text und die Themen der Inszenierung Die toten Seelen scheinen von Gogol jetzt und hier geschrieben zu sein: Betrug als die Lebensweise. Wird es auf die frostige Großmachtebene übertragen, ist eine Einheit dieser Lebensweise ein Putin.

Vít Závodský: Die bühnenbildnerisch einfallsreiche Antiillusion-Einstudierung ist auf markanter Stilisierung und grotesk aufgefasster Übertreibung gebaut. In der Kabarettrevue-Lage mit ausgewogener schauspielerischer Komponente brilliert ganz sicher Tschitschikow in der Darbietung von Michal Isteník. In dieser Revue-Kabarett-Auffassung der Vorlage fiel diesem universalen Schauspieler außer der plastischen Charakteristik der Gestalt auch die „neutrale“ Funktion des Erzählers und Kommentators zu. Scharfe Schnitte zwischen jenen gut verbundenen Lagen weiß dieser durch seine Flexibilität bekannte Interpret ganz souverän zu machen: sein wie ein Chamäleon veränderlicher Hochstapler, der aus dem umliegenden männlichen Grau durch markanten Schminken und schreiend rotem Kostüm auf den ersten Blick hervorragt, ist ein Betrüger von vielen Zügen und Gesichtern. Neben dem Zuschauer-Gefühl des Eckels über sein schlüpfriges Verhalten ohne Skrupel und dann über falsche Eigenreue fehlt dieser imponierenden Kreation nichts an reiche, in Etüden durchgearbeitete Humorskala und auch an einem Ton einer gewissen Melancholie.

Svět a divadlo, März 2015

DIE TOTEN SEELEN IM STADTTHEATER BRNO

Jana Soprová 12. Januar 2015 zdroj www.scena.cz

Gogols Roman Die toten Seelen wurde auf den tschechischen und mährischen Bühnen in verschiedenen Bearbeitungen erst zum vierten Mal aufgeführt. Jene vorletzte vor zehn Jahren wurde auf der Bühne des Theaters ABC in der Regie von Aleš Bergman aufgeführt, der damals die Bearbeitung von Michail Bulgakov ausnutzte. Die reiche Typologie der Gestalten von Grundbesitzern und des Lebens der russischen Gesellschaft, die von Gogol so suggestiv geschildert wird, ist wegen reichen Bildern nicht einfach aufzufassen. Darüber hinaus muss hier ein gewisser Staub des leibeigenen Russlands erhalten bleiben und es sind zugleich auch Parallelen der russischen Gesellschaft damals und heute zu zeigen. Die zwei Autoren aus dem Prager Theater Divadlo v Dlouhé, Regisseurin Hana Burešová und Dramaturg Štěpán Otčenášek zusammen mit anderen befreundeten Gestaltern  und Schauspielern aus Brno versuchten, das alles zu schaffen. Hana Buršová arbeitet mit dem Stadttheater Brno regelmäßig zusammen und ihre hiesigen Inszenierungen bringen immer eine interessante Farbe in den Spielplan des Theaters mit. Genau so war es auch in diesem Fall.

Die Dramatisierung weist offensichtlich auf die literarische Vorlage hin, und zwar dadurch, dass sie neben den Dialogen und „Aktionsszenen“ des Ensembles auch die Innenmonologe von Tschitschikow und durch seinen Mund auch die veräußernden Kommentare der Gestalt enthält. Was das Genre betrifft, respektiert diese Komödie die bizarre Poetik von Gogol, die die Grotesksituationen mit den lyrischen Schilderungen der Schönheiten von Russland und gewissen pathetischen prophetischen Aufschreien von Tschitschikow kombiniert, gleichzeitig doch Horrorcharakter und typische Mystik nicht unterlässt, die bei Gogol auch relevant ist. Die Szene von  Tomáš Rusín ist sparsam und praktisch – meistens sind in den Innenräumen nur einige wenige Stühle zu sehen, auf denen man nicht nur sitzt, doch sie auch in unterschiedliche Formationen formiert werden. Ein wirkungsvolles und dabei einfaches Element ist Evokation des russischen Dreigespanns; dieses ist nur durch einige Zügel dargestellt, die wirken, als ob die den Schlitten ziehenden Pferde die Zuschauer in den ersten Reihen wären. In der an Bilder reichen Traumszene, in der sich vor dem Hauptheld verschiedene, bis surrealistische Vorstellungen deformierter Realität zeigen, nutzte der Bühnenbildner die Spiegelflächen aus, die die Gestalten in deformierten Dimensionen widerspiegeln. Der Vorstellung dominiert  Michal Isteník als Tschitschikow, deren Gesten und Sprachnuancen viele Zuschauer an die ausgeprägte Schauspielkunst von Donutil erinnern. Doch, Michal Isteník ist ein mit großem Temperament begabtes Komödien-Talent von sich selbst, das die Zuschauer lieben. Auch kleinere Rollen, ausgeprägte Studien der einzelnen Kulaken, genießen die Schauspieler offensichtlich sehr. Egal ob es sich um groben Sobakewitsch in der Darbietung von Zdeněk Junák, um lyrisch überdimensionierten Manilow von Alan Novotný, der an das spezifische Timbre von Karel Gott erinnert, um den abstoßenden Pljuschkin von Patrik Bořecký oder um schlauen Alkoholiker und Kartenliebhaber Nosdrew in der Darbietung von Petr Štěpán handelt; der letztgenannte wirft sich in die Handlung mit gefährlicher und unerfindlicher Rasanz, die nur so nebenbei die hiesigen Unwesen sowie den Tschitschikow selbst entdeckt. Eine an die Baba Jaga erinnernde Kreation schuf Jan Mazák als Frau Korobotschka. Ähnliche Bizarrheit der Type der kleinstädtischen gesellschaftlichen Creme erhalten beinahe alle Mitwirkenden aus dem zahlreichen schauspielerischen Ensemble. Als das Ganze wirkt die Inszenierung repräsentativ, das Schauspielerteam des Stadttheaters Brno bringt auf die Bühne entgegenkommende Volkstümlichkeit, mit grotesker Theatralität kombiniert, und es ist offensichtlich, mit welcher Freude und Esprit es die durchgedachte Regiekonzeption der gastierenden Regisseurin erfüllt.

 

ÄUSSERST LEBENDIGE TOTE SEELEN IN BRNO

Luboš Mareček 5. November 2014 zdroj Lidové noviny

Das Stadttheater Brno eröffnete die neue Theatersaison mit der Premiere der Inszenierung Die toten Seelen der Regisseurin Hana Burešová. Und es war eine durchaus effektvolle und prachtvolle Eröffnung.

Hana Burešová ist durch ihren sorgfältigen und genauen Stil bekannt, der hier vom rau satirischen Charakter der Vorlage ausgeht. Groteske Geschichte über den schlauen Betrüger Tschitschikow, der sich unter die kleinstädtische Elite und korrupten Gutsbesitzern eindrängt,  bearbeitet sie in einem beinahe für Varietee typischen Geiste.

Es geht hier um die toten Seelen (einige Zeit her war diese Redensart auch auf der heimischen politischen Szene aktuell) – also um die toten Leibeigenen, die doch amtlich lebendig sind. Es ist möglich, für eine Horde von den auf diese Weise aufgekauften Sklaven einen Kredit und Boden vom Staat zu bekommen, also ziemlich schnell reich zu werden.

Die Regisseurin lässt es sich angelegen sein und bildet schrittweise eine rohe Groteske, die äußerst unterhaltend ist, doch am Anfang das übliche spitzige Theaterbild, wie wir es aus den vielen Bearbeitung Des Revisors kennen, nicht überschreitet. Doch Burešová hat ein einzigartiges Gefühl für genauen Maß und zeitliche Festlegung der schauspielerischen Aktionen, für minuziöse Durchzeichnung von Charakteren, und so ist ihre Typen-Komödie und das nachfolgende Spiel mit dem Publikum vielmehr wirkungsvoll, ohne dass sie billige Effekte, meuchlerischen Spaß oder dankbare Rücksprünge verwendet. Sie unterhält die Zuschauer nicht nur mit Außenansicht aller diesen übermäßigen Frauenbrüste, mit  Gutsbesitzerin mit großem Arschloch in der transvestitischen Darbietung oder mit Schauspielern mit dickem Bauch. Das meist spaßhafte und spannende erfolgt gerade in den gebauten Beziehungen dieser bizarren Gruppe.

Und es ist gerade hier am Platze, die Kostüme von Zuzana Štefunková-Rusínová zu loben, die sie bei Verwendung von zugestandenen Krinolinen und Wattelin Karikaturen schuf und die manchmal scheinen, aus den Zeichnungen von  Honoré Daumiér zu stammen. Die bizarr aufgekämmten Perücken, alle jene dicke Arschloche und  noch dazu die Stiefel des Gutsbesitzers, die scheinen aus farbiger Wolle gestrickten zu sein, stellen einen witzigen und effektvollen Rahmen dieser gesellschaftlichen Maskerade dar. Ihre Wirkung wird noch durch die einfache Szene von Tomáš Rusín noch mehr hervorgehoben; er verwand sechs Paneele, die nicht nur den betrügerischen Irrgarten von Tschitschikow, sondern manchmal auch jene erhoffte Varietee-Atmosphäre von Betrug und Lug fein evozieren.

Ausgezeichnete Schauspieler

Michal Isteník als Tschitschikow bietet zuerst ein unterhaltendes Konzert eines schlauen Muckers an. Das große Potenzial eines Komikers führt der Protagonist in der rücksichtslosen Sehnsucht eines Habgierigen voll auf, um am Ende die Figur sowie das Publikum ironisch zu verspotten. Anspruchsvoll ist auch die Architektur dieser Rolle. Als Tschitschikow interpretiert er und trägt die Repliken des Erzählers vor oder verwandelt sich in einen Glossator, also imaginären Gogol. Isteník weiß diese Trinität souverän darzustellen, er führt den Zuschauer durch die Vorstellung ohne Zögern durch.

Auch Petr Štěpán als stets betrunkener Nosdrew brilliert auf der Bühne. Dieser stämmige Schauspieler schuf ausgezeichnete Karikatur eines Poltergeistes, bei dem nicht nur sein Körper, sondern auch seine Sprache und betrügerische Gedanken stürzen. Merkwürdig ist auch die eingestellte und festgehaltene schauspielerische Kontur von Alan Novotný als Manilow. Dieser gutsherrliche kugelrunde Engler mit süßer Stimme öffnet dem Publikum den Weg zu aufrichtigem Spaß und ist wirklich eine ausgezeichnete Kreation. Jaroslav Matějka  – ein weiterer ausgeprägter Komiker des Ensembles – ließ sich dann die Gelegenheit nicht zu entgehen und bei seinem Physkultur-Auftritt eines betrunken Kutschers brüllen die Zuschauer vor Lachen.

Und auch nach der Pause ist es eine solche Posse, die, den Gesetzen des Genres nach, an Abfangen und Bestrafen des Helds zielt. Dieser erlebt noch vor seinem gesellschaftlichen Fall in der Inszenierung von Burešová einen szenisch ergreifend verarbeiteten Traum, in dem er von vielen Figuren der russischen Nationallegenden zum Tanz aufgefordert wird. Das Märchen verschwimmt doch und die Groteske verwandelt sich beinahe in eine Moralität. Im Gefängnis spricht dem Betrüger der Pope zu, dass er jene große Welt und die Sehnsucht nach immer größerem Vermögen beiseite lässt. Tschitschikow entgeht dann der Strafe, und zwar unter der Bedingung, dass er an sein ganzes Vermögen verzichtet. Mit Ausnahme des Schlusses, in dem letzten kurzen Auftritt, kehrt die Inszenierung doch schnell zu einer grinsenden Groteskschau, deren Ähnlichkeit mit der Gegenwart atemberaubend ist.

Der befreite Tschitschikow wird hier beinahe zu einer Personifizierung des Landes, in dem der Leibeigene in Staub eingestampft werden kann, in dem es unmöglich ist, gegen allgemeinen korrupten Fluss zu gehen. Mit den Wörtern des visionären Gogol selbst, der doch die Absicht verfolgte, sein Vaterland zu loben: „Russland rennt vorwärts und die anderen Völker machen ihm widerwillig den Weg frei…“ Hier verwandelt sich schon die bittere Bissigkeit der Inszenierungsinterpretation beinahe in die Tragödie der Gegenwart. 

GROTESK BELEBTE TOTE SEELEN

Vít Závodský 29. Oktober 2014 zdroj KAM v Brně

Der ausgezeichnete ukrainische Prosaiker Nikolai Vasilievich Gogol gehört zu den meist provozierenden Gestalten der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts. Während er traditionell an die Grenze des weggehenden Romantisums und des kommenden kritischen Realismus eingeordnet wird, akzentuieren die späteren Ausleger in seinen Werken die Züge von Phantasma, Grotesk und Hyperbolisierung und so wird er von ihnen für Vorgänger der Moderne oder Postmoderne des 20. Jahrhunderts gehalten. Gerade von diesem Blickwinkel geht die erste Septemberpremiere der 70. Theatersaison des Stadttheaters Brno aus.

Mit Abstand von der hiesigen Einstudierung Der Spieler (2003) durch den Regisseur Černín wurde sie mit der elften Gastregie der Prager Regisseurin Hana Burešová wieder eröffnet, und zwar mit der originellen Dramatisierung Gogols Romans Die toten Seelen (1842), an der auch Štěpán Otčenášek – bei Verwendung der als Buch herausgegeben Übersetzung von Naděžda Slabihoudová – teilnahm. Ihre Bemühung wurde dann durch die traditionell präzise dramaturgische Mitwirkung des Hauptgaranten des eingehenden Programmdrucks Jiří Záviš unterstützt.

Gogol wollte Die toten Seelen als eine satirisch-moralistische Trilogie nach dem Muster Göttlicher Komödie von Dante konzipieren. Doch unter Druck von Innenwidersprüchen des Autors und seiner psychischen Krisen blieb aus diesem Vorhaben nur ein Fragment: der pikaresk gestimmte (und mit Zensureingriffen betroffene) erste Teil und die Fragmente des vom Schriftsteller selbst verbrannten zweiten Teils. Die Prosa des Autors, der sich auch bei uns kurierte, wurde in den tschechischen Kontext von Karel Havlíček Borovský schnell eingeführt. Im Laufe der Zeit wurde sie vielmals für Bühnen (auch Oper-, Musical- und Marionettentheater), Film und Rundfunk bearbeitet. Die Inszenatoren in Brno verglichen auch jene weinigen heimischen schauspielerischen Versionen (aufgeführte sowie nicht realisierte), schließlich wählten sie, bei empfindlicher Reduktion der Vorlage, ihren eigenen Weg. Hier ist die wenig gelungene Einstudierung der tschechischen Premiere der Dramatisierung von Michail Bulgakov durch den Regisseur Sládečko zu erwähnen, die wenig verlockend Mrchotrupci, hola hej! (1993) genannt wurde.

Die allgemein ziemlich bekannte Romanhandlung (ähnlich wie die Komödie Der Revisor) geht vom anekdotischen Stoff aus, der an Gogol angeblich von seinem älteren Freund Puschkin geliefert wurde. Der arm gewordene Adelige Paul Ivanovich Tschitschikow versucht durch fiktives Kapital reich zu werden – durch spekulativen billigen Einkauf von gestorbenen Leibeigenen, von denen die beschränkten Gutbesitzer dank seiner schmeichlerischen Beredsamkeit letztendlich gern loskommen. Bei Tschitschikows Reise nach den nahen Bauernschaften lernen wir pittoreskes Bild von entsittlichen Typen kennen (auch diese Provinzfeudalherren bekannter Namen sind also im System, das ermöglicht, menschliche Wesen und sogar Verstorbenen, de facto „tote Seelen“, wie Ware zu verkaufen). Diese werden zuerst geschickt betrogen und dann, nach dem Skandal auf dem Ball bei dem Gubernator und nach Entdeckung des Betrügers und seiner Verhaftung, bilden paranoid absurde Mystifikationen.

Die Autoren der Dramatisierung und ihr Inszenierungsteam (Bühnenbildner Tomáš Rusín, Kostümbildnerin Zuzana Štefunková-Rusínová, Komponist Petr Hromádka, Choreograf Martin Pacek, Autor des Lichtdesigns David Kachlíř und der Projektionen Petr Hloušek) erkannten genau und ohne gewaltsame Textbearbeitungen die Aktualität der gesellschaftlich-kritischen Ansicht von Gogol, die die heutigen Verhältnisse in Putin-Russland betrifft und gleichzeitig die jeden Tag entdeckten Betrüge und oft vertuschten Korruptionsaffären bei uns in Tschechien scharf dokumentiert. Sie machen es doch nicht realistisch beschreibend, sondern in den Intentionen der modernen Auffassung Gogols Vermächtnisses anti-illusorisch – durch markante Stilisierung, Ironie und Übertreibung. Dieser Einstellung entsprechen im Programm die von Záviš übersetzen, ausgewählten Nonsens-Miniaturen von Daniil Charms, die ähnlich schon bei Den Spielern verwendet wurden.

Der grundlegende Charakter dieses nicht langen, zweiteiligen Abends mit zwanzig Szenen ist eine Kabarett-Revue mit Varietee- bis Zirkuselementen: auf der am Anfang beinahe leeren Bühne mit mobilen Spiegelflächen, welcher die widerspiegelten Figuren deformieren, und mit gebrachtem weißem Mobiliar sind die mäßig historisierenden Kostüme meist auffallend. Diese sind mit passenden Details bereichert (weiß gemachte Gesichter, bizarre überdimensionierte Frauenperücken, die durch Korsetten unterstrichenen Reize). Die Marionetten-Gestalten gestehen Verwandtschaft mit Artefakten einiger Illustratoren sowie Konnotationen mit der Welt der klassischen russischen Märchen zu, ähnlich wie sich die reiche und erfinderisch verwandte „Mehr-Quellen-Musikkomponente“ vom Osten beeinflussen lässt. In der sinnvollen Durchdringung von den anscheinend disparaten Elementen finden wir auch Gogols Idee der pathetisierenden „Poeme“ (frostkalt ausklingender Schluss über Russland als  rennendes Gespann, dem „die anderen Völker widerwillig den Weg freimachen“). Im Zusammenhang mit der Bühnenauffassung von Tschitschikow geht der Zivildialog in mäßige synchronisierte Bewegung, in bewegungslose Stronzo oder im Gegenteil in Salontanz über; die Monstrosität wie aus Boschs Bildern bekommt dann der Fiebertraum des Protagonisten.

Einzeln bemerkbar sind die Darsteller der kleinstädtischen Figuren (Miloslav Čížek, Zdeněk Bureš, Josef Jurásek, Patrik Bořecký, Michal Nevěčný), mit autoritativen Gubernator in der Darbietung von Viktor Skála an der Spitze. Von der zuverlässigen Typenbesetzung gehen fünf klar differenzierten, unterschiedlich demoralisierten, gewinnsüchtig egoistischen Grundbesitzern aus – flacher Träumer und quatschiger Ästhet Manilow (Alan Novotný), ausladend aggressiver Alkoholiker- und Kartenspiel-Abenteurer Nosdrew (Petr Štěpán), bärenhafter Fresser Sobakewitsch (Zdeněk Junák), abscheuerregender Homless-Harpagon Pljuschkin und auch stumpfsinnige Witwe Korobotschka (Jan Mazák).

Die natürliche Achse der Einstudierung ist ganz natürlich die Figur von Tschitschikow, durch den Gewinner des Alfred-Radok-Preises in der Kategorie Talent des Jahres 2011 Michal Isteník dargestellt.  Sofort wenn er zusammen mit seinem phlegmatischen Diener und Kutscher Selifan (Jaroslav Matějka) aus dem Saal auf die leere Bühne kommt, vorbereitetes Zubehör auswählt und sich in eine angedeutete Pritsche zu einer gefährlichen Reise setzt, verstehen wir, dass ihm in dieser Dramatisierung neben der Charakteristik der Gestalt auch die „entfremdende“ Funktion eines Erzähler und Kommentators zusteht. Scharfe Schnitten zwischen den beiden, ziemlich verbunden Lagen, weiß dieser durch Flexibilität bekannte Schauspieler völlig souverän zu bewältigen. Wie es schon aus der bunten Mosaik von Grimassen im Plakat zu sehen ist, ist der wie ein Chamäleon veränderlicher Hochstapler in der Darbietung von Isteník, der sich von der anderen Herren durch seine markante Schminken und roten Kostüm auf den ersten Blick unterscheidet, ein Betrüger von vielen Charakteren und Gesichtern. Neben dem Ekel, den die Zuschauer über seine Schleimigkeit und dann unechte Eigenreue empfinden, fehlen dieser imponierenden Kreation nicht einmal reiche, durcharbeitete Humorskala und ein Ton einer gewissen Melancholie oder Vorahnung, dass es gar nicht einfach sein wird, das Phänomen der „russischen Seele“ zu verstehen.

Die Inventions-Inszenierung Der toten Seelen von Gogol in der kontinuierlich fruchtbaren Tätigkeit des Prager Teams in Brno war ganz sicher eine gelungene Eröffnung der Jubeltheatersaison, in der das Stadttheater Brno die zehnjährige Existenz der Musikbühne erinnerte und an deren Ende es siebzig Jahre seiner Existenz feiern wird.

DIE THEATER IN BRNO STELLTEN NEUE INSZENIERUNGEN VOR. AM BESTEN SIND DIE TOTEN SEELEN GELUNGEN

Jana Soukupová 24. Oktober 2014 zdroj MF Dnes

Auf den Bühnen der Theater in Brno ist dieser Oktober sehr reich. Die Autoren baten das Theaterfest nach Gogols Roman, die volkstümlich aufgefassten Märchen aus dem Riesengebirge, die durchaus durchschnittlich bearbeitete politische Novelle von Ladislav Mňačko, das an Ausstattung sowie Menge von Gestalten reichen Ballett Der Nussknacker und die professionell realisierte, romantische, ursprünglich aus dem Film bekannte Geschichte GHOST – Nachricht von Sam.

Theaterereignis von Gogol

Das klassische Werk von Nikolai Wassiljewitsch Gogol über einem Betrüger, der auf dem russischen Land die „toten Seelen“, also die real verstorbenen, doch immer noch registrierten Muschiks aufkauft, wurde auf der Bühne des Stadttheaters Brno von der Regisseurin Hana Burešová und seinem Partner, Dramaturgen Štěpán Otčenášek, in Szene gesetzt. Mit den dem Stück ergeben und begeistert dienenden Schauspielern gelang es ihnen, ein wirkliches Theaterereignis zu schaffen. Dem aus der schauspielerischen Sicht immer sicheren Michal Isteník passt die Gestalt des schmeichelhaft berechnenden Tschitschikow perfekt, doch auch alle anderen beweisen mit souveräner Professionalität, dass sie in ihren Rollen viel zu spielen haben, auch die kleinen Rollen, einschließlich gemeinsamen Zusammenspiels, können zu einem Theaterereignis werden.

Rechnen wir dazu noch die in allen Bestandteilen effektvolle Bühnenbearbeitung des „Traums über die russische Seele“, der genau im Geiste von Gogol auch vor ihrer abgewendeten Seite warnt, und wir bekommen eine aktuell wirkende, aus der Sicht des Theaters präzise und ungewöhnlich wirksame Bühnenform des literarischen Stoffs, an dem sich viele Theaterschaffenden und Filmmacher die Zähne ausbissen. Das Stück würde sich eigentlich die höchste Bewertung verdienen; jene unerhebliche fünf Prozente von hundert gehen zu Lasten des heutigen allgemeinen Unwesens, die Zuschauer für zu viel gefühllos zu halten, so dass man mit den Emotionen ein bisschen mehr spielt, als es notwendig wäre. Aber hier geht es wirklich nur um ein kleines Stück.

 

IN DEN TOTEN SEELEN IN BRNO IST ALLES ÜBERTRIEBEN

Luboš Mareček 20. Oktober 2014 zdroj www.echo24.cz

Ein unterhaltendes und zugleich bitterkalt aktuelles Theaterstück mit Übergriff aus einem klassischen Werk zu machen, das gelang der Regisseurin Hana Burešová in der Inszenierung Die toten Seelen. Und das Stadttheater Brno, in dem die Dramatisierung dieses bekannten, unfertigen Gogols Romans aufgeführt wurde, kann über erfolgreiche Eröffnung der neuen Theatersaison sprechen. Und es ist kein gewöhnliches Theaterjahr: an seinem Ende werden hier siebzig Jahre der Existenz gefeiert. Darüber hinaus, Anfang Oktober feierte das Stadttheater Brno die ersten zehn Jahre der Musikbühne.

Schon seit mehreren Jahren eröffnet Burešová mit einer ihrer Inszenierung die Theatersaison auf der Schauspielbühne des Stadttheaters Brno. Und fast immer handelt sich um einen interessanten dramaturgischen Exkurs oder um einen aus der Sicht der Regie ungewöhnlichen Sukzess. Das berühmte Gogols Werk verwandelte Burešová in ein Textbuch zusammen mit ihrem Hof-Dramaturgen Štěpán Otčenášek. Im gut komponierten, einheitlichen Stil zog die Regisseurin die grinsenden grotesken Züge Der toten Seelen fein nach und lies ein Tropfen der allgegenwärtigen russischen Wehmut und Melancholie, um die Inszenierung ohne gewaltsame Aktualisierungen schließlich zur Gegenwart vorzuschieben.

Die Inszenierung ist eine Pleiade von ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen und auch eine Schau geschickten Mitwirkens von allen anderen Bestandteilen: Szenografie, Kostüme und auch Musik von  Petr Hromádka.

Es reichte, in die Fragmente des zweiten Teils zu greifen (Gogol konzipierte den Roman Die toten Seelen wie eine Trilogie, doch den zweiten Teil, ausgenommen einige Fragmente, verbrannte er und den dritten schrieb er gar nicht) und sich durch den Mund des Protagonisten am Ende des Abends zu fragen: „Wohin fliegst du, Russland, sag mal? Es antwortet nicht. (…) Russland rennt vorwärts und andere Völker machen ihm widerwillig den Weg frei…“

Gerade diesen rauh vielsagenden Satz sagt der Hauptprotagonist Tschitschikow, der reich werden will, und zwar durch Aufkäufe von fiktiven toten Leibeigenen, auf die er ein Darlehen für weitere Unternehmertätigkeit von der Bank bekommt. Der geriebene Betrüger drängt sich also unter die Honoratioren der Stadt N. ein und dann besucht er die russischen Grundbesitzer, um diese de facto toten, doch de iure lebenden Verstorbenen aufzukaufen. Diese Tschitschikows grotesk reale Reise ist auch eine Parallele zu den widerlichen menschlichen Charakteren, die von einem durch Bestechung, Korruption, rücksichtslose Gewinnsuch und absolute Vorherrschaft über die frönenden Leibeigenen charakterisierten System produziert werden.

Und Burešová mit ihrem Inszenierungsteam schuf die Komödie bizarrer Charaktere, die den Hochstapler Tschitschikow treffen. Die Aufgabe von Michal Isteník in der Hauptrolle war desto schwieriger, dass er aus seiner Gestalt manchmal austritt und sich selbst glossiert, ein anders mal als Erzähler funktioniert und noch dazu die Handlung kommentiert. Isteník weiß diese drei Ebenen zu unterscheiden und er nutzt dabei sein außerordentliches komödiales Talent aus. Burešová modelliert die Geschichte des Betrügers zuerst wie einen Kabarett-Varieté-Auftritt. Tschitschikow macht seiner Umgebung einen blauen Dunst vor und auf der Bühne schüttelt er die Karten aus dem Ärmel. Isteník weiß schmeichelnd, einredend, anscheinend höfflich sowie rücksichtslos und pragmatisch pfiffig zu sein.

Die Inszenierung von Burešová ist eine Pleiade von ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen und auch eine Schau geschickten Mitwirkens von allen anderen Bestandteilen: Szenografie, Kostüme und auch Musik von  Petr Hromádka. Tomáš Rusín in der angedeuteten Auffassung eines gesellschaftlichen Zirkus baute auf der Bühne sechs schwarze mobile Blenden, die manchmal die Illusion eines unerforschbaren Irrgartens, Varieté oder Spiegelsaals erwecken. Burešová verwendet nur Minimum des Mobiliars, mehr sprechen auf der Bühne die Kostüme von Zuzana Štefunková-Rusínová, die zum Beispiel die Frauenperücken, sondern auch Busen der dargestellten Honoratioren extrem vergrößerte.

Die Herren mit gesenkten Unterbäuchen bleiben nicht zurück. Warum nicht. Hier übertreiben doch alle und alles ist übertrieben. So kann es einfach passieren, dass der schon verratene Tschitschikow in einen bizarren Traum gerät, wo ihn ein ganzes Defilee von Märchenfiguren umringt und den Zuschauer eine der besten Szenen des Abends erwartet.

Wie es schon gesagt wurde, zu den Vorteilen der Inszenierung gehören die genau gebauten und karikierten Charaktere. Außer Isteník bietet hier eine merkwürdige Kreation auch Petr Štěpán, der in modisch dekorierten Stiefeln ein hinreißendes Bild eines wilden und lärmenden Trinkers vorführt. Der Schauspieler strahlt eine große Menge von Energie aus.

Manilow in der Darbietung von Alan Novotný  bringt mit seinem versüßten Ausdruck eines dumm exaltierten Menschenfreunds die Zuschauer zu Lachsalven. Als eine Transvestit-Gestalt aufgefasste Korobotschka in der Darbietung von Jan Mazák greift das Feingefühl der Zuschauer nicht nur mit seiner Brust, die massig und gesenkt wie ihre Ballon-Hintere ist, sondern vor allem durch die Probedemonstration des weiblichen Stumpfsinns an. Die Schauspieler herrschen hier die Schauspielerinnen ein bisschen vor, man kann doch ruhig sagen, dass keine schlechte schauspielerische Leistung auf der Bühne zu sehen war.

Burešová lässt den Zuschauer, sich mit dieser mehr als zweieinhalb Jahrhundert alten Maskerade zu unterhalten, durch ungezwungene Übertreibung bestätigt sie doch jene bekannte Zeitlosigkeit des Originals. Das Publikum lacht hier nicht nur über die bitter witzige Komödie aus dem alten Russland; es stellt auch natürlich fest, dass viele diese Charaktere bis zu den heutigen Tagen überlebten. Und mit der Gegenwart sind Die toten Seelen durch den schon erwähnten Schluss verbunden. Es wird kein Visionär aus Gogol durch gewaltsame Aktualisierung gemacht, Burešová benennt nur bitterkalt und genau, was alles dieser russische Klassiker am Anfang des Jahrhunderts, in dem wir gerade leben, für uns sein kann.

 

 

DIE TOTEN SEELEN IM STADTTHEATER BRNO

Peter Stoličný 20. Oktober 2014 zdroj www.i-divadlo.cz

Regisseurin Hana Burešová war nicht zum ersten Mal in Brno zum Gast. 2008 gewann sie für ihre Inszenierung Paul I. den Alfred-Radok-Preis, in demselben Jahr wurden hier auch Die drei Musketiere von Dumas von ihr witzig inszeniert und es ist auch die wunderschöne Inszenierung Schule, der Fundament des Lebens aus dem Jahre 2011 nach dem Roman Die Studenten und Kantoren zu erwähnen. Das Interesse der Regisseurin ist vielseitig und ihre Regiearbeiten (oft in der Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Otčenášek) sind zwar ungleichartig, haben doch gemeinsame Optik: durch einfache Regievorgänge über die Situation kurz und präzis zu informieren. Sie beruhen dabei auf der schauspielerischen Kunst.

Die Hauptgestalt  Der toten Seelen ist natürlich Tschitschikow, „Sammler“ der nicht existierenden Untertanen. Michal Isteník spielte alle Nuancen dieses „genialen“ Betrügers mit großem Vergnügen und es sekundieren ihm dabei der robuste Zdeněk Junák als Sobakewitsch, Patrik Bořecký in der Gestalt des Geizhalses Pljuschkin, Bonvivant, der immer wettet, Nosdrew, der von Petr Štěpán farbig dargestellt wird, bestechlicher Gubernator in der Darbietung von Viktor Skála oder Prokurator von Miloslav Čížek und Postmeister von Zdeněk Bureš mit seinen wunderschönen Konspirationstheorien – wer ist eigentlich Tschitschikow. Neben den Herren wirken die „Frauen“ ein bisschen grotesk. Frau des Prokurators, dargestellt von Jana Musilová, Frau des Gubernators von Lenka Bartolšicová, die versucht, ihre Tochter zu verheiraten (hier ist die Ähnlichkeit mit Dem Revisor am deutlichsten), oder Tochter des Gubernators in der Darbietung von Eliška Skálová, wieder aus Dem Revisor ausgeschnitten.

Den Verdienst am Erfolg dieser geschlossenen und aussagenden Inszenierung haben ganz sicher auch die einfache Szene von Tomáš Rusín und die Kostüme von Zuzana Štefunková-Rusínová, die mit angenehmer Übertreibung geschaffen wurden. Die Atmosphäre wurde dann mit der Musik des erfahrenen Peter Hromádka untermalt, den in der letzten Zeit die Inszenatoren im Stadttheater Brno sowie im Theater Reduta des Nationaltheaters und im Theater Husa na provázku ausnutzten. Und der Komponist bewahrte sich in allen diesen Inszenierungen gut.

Falls ich am Anfang hervorhob, dass Die toten Seelen ein bisschen weiter als der groteske Revisor sind, ist es so wirklich und Regisseurin Hana Burešová lässt die Zuschauer verzweifelte Peinlichkeit der auftretenden Gestalten zu fühlen. Das Publikum lacht, auch wenn die auftretenden Gestalten eigentlich nicht zu viel zum Lachen sind. Dieser Humor ist beißend, bis traurig. Es ist Gogol, seine labile Mentalität, seine Trauer, die bis in die Verbrennung des zweigen, unfertigen Teils Der toten Seelen mündete. Gogol nahm seine Erzählung sehr ernst und jene grotesken Züge zeigten sich auf der Oberfläche nur wie ein Produkt der Verzweiflung über den Zustand der Gesellschaft. Es ist gut, dass die Inszenatoren billige Satire vermieden. Die toten Seelen wurden so zu einem Zeugnis von der Zeit – leider zu einem sehr aktuellen Zeugnis. 

 

 

DIE TOTEN SEELEN VON BRÜNN

Jaroslav Štěpaník 14. Oktober 2014 zdroj www.literarky.parlamentnilisty.cz

Gogols berühmter Roman Die toten Seelen, eine schneidende Satire auf die Verhältnisse im damaligen Russland und die Eigenschaften des russischen Menschen, wurde durch die Regisseurin Hana Burešová in Zusammenarbeit mit Štěpán Otčenášek, der gleichzeitig auch Dramaturg der Inszenierung ist, auf die Theaterbühne gebracht. Mit der Premiere des Stückes läutete das Stadttheater Brünn die neue Theatersaison ein.

Die Handlung des Romans scheint in vielem geradewegs unserer böhmischen und mährischen, bislang nicht ganz toten Realität entsprungen zu sein. Auch zu uns kamen mehr als einmal Unternehmer mit durchtriebenen Projekten, und tote Seelen, Strohmänner und Ähnliches gibt es nicht nur in Russland.

Die Regisseurin jedoch hat sich richtigerweise vollkommen von derartigen sich anbietenden Aktualisierungen befreit. Auf die Bühne bringt sie die Geschichte vom Aufkäufer toter Seelen ganz im Sinne Gogols mit grotesker Übertreibung, aber so, dass der Zuschauer nicht nur das spezifisch Russische, sondern auch das Tschechische und das eigentlich allzu Menschliche wahrnimmt: lächerliche und spottwürdige Züge und Eigenschaften. Unterwegs auf der Suche nach willigen Verkäufern, sieht sich das Publikum (ebenso wie der Hauptheld, der gleichzeitig den Erzähler spielt) einem Defilee pittoresker Figuren und Figürchen gegenüber. Der Regisseurin ist es ausgezeichnet gelungen, die Leistungen aller beteiligten Ensemblemitglieder aufeinander abzustimmen. Jeder behält bei der Ausformung der individuellen Züge seiner Figur das gleiche gemeinsame Niveau der komischen Übertreibung bei. Keiner der Schauspieler schlägt bei seiner Rolle über die Stränge. Die Inszenierung legt Wert auf die Komplexität des Ausdrucks, eine wichtige Rolle spielen Bewegung, Pantomime und Mimik. Zur Steigerung der komischen Übertreibung tragen weiß gefärbte Clownsgesichter, Perücken, extravagante Frisuren und Kostüme bei.

Die Brünner Toten Seelen stehen ganz im Zeichen der schauspielerischen Leistung von Michal Isteník, der unterschiedslos mit allen übrigen Akteuren hervorragend harmoniert. Die Modellierung der Figuren in all ihrer Unterschiedlichkeit, doch mit dem gemeinsamen Nenner ihrer Heuchelei und ihrer Furcht vor möglichen Folgen der eigenen Schlechtigkeit ist gut gelungen. Würde man irgendeines der Ensemblemitglied besonders hervorheben, wäre den anderen damit Unrecht getan. Den Schauspielerinnen war nicht so viel wie ihren männlichen Kollegen vergönnt, umso mehr faszinierten sie durch ihre Bewegungen in den von Zuzana Štefunková-Rusínová witzig gestalteten Kostümen. Die von Petr Hromádka speziell für das Stück komponierte Musik mit ihren vielfältigen „russischen Tonlagen“ sorgte für eine perfekte Untermalung der Atmosphäre.

Das einfache Bühnenbild von Tomáš Rusín wurde durch die Regisseurin geschickt genutzt. Am meisten faszinierte wohl, wie die Akteure mit den Zügeln in der Hand auf einem einfachen Stuhl sitzen, jedoch mit Hilfe der Beleuchtung die perfekte Illusion einer russischen Troika entsteht, die durch die unendlichen Weiten des großen Russland galoppiert.

Als es zur Enthüllung der Geschäftsaktivitäten des „Haupthelden“ kommt, erscheint das Innere aller Akteure im vollen Licht. Die Zusammenkunft der örtlichen Berühmtheiten ist ein Panoptikum der Heruntergekommenheit unter anhaltendem Konsum des nicht wegzudenkenden Wodkas. Alle Anwesenden meditieren voller Ängste bis hin zu absurden Schlüssen, wer alles der neu Eintreffende in Wirklichkeit sein mag, was alles sich wohl hinter seinem Eintreffen verbirgt, was alles (und das ist vieles) er aufdecken könnte.

Das Spiel mit den Worten zu Beginn wie auch am Schluss des Stücks ist klar in den russischen Kontext eingebettet, doch sickert aus der gesamten Handlung ganz von allein vieles für Russland und den russischen Menschen Charakteristische durch. Und vieles, worüber Gogol bei seinen Landsleuten lachen konnte, ist von allgemeinerer Tragweite und gilt ebenso gut für andere Völker, so etwa auch für unsere tschechischen Seelen und Seelchen, seien es nun lebendige oder tote.

 

 

DIE TOTEN SEELEN: ERFOLGREICHE ERÖFFNUNG DER NEUEN THEATERSAISON

Jaroslav Štěpaník 1. Oktober 2014 zdroj www.brnozurnal.cz

Hana Burešová setzt die Geschichte des Aufkäufers von toten Seelen Tschitschikov im Geiste von Gogol und mit grotesker Übertreibung in Szene. Bei Suche und Findung von Aufkäufern stellt sich ein Defilee von den mit Panoptikum-Zügen versehenen Figuren den Zuschauern vor. Der Regisseurin gelang es, das Ensemble so abzustimmen, dass jede der Gestalten ein eigenartiges, individuelles Bild mit markanten Charakterzügen darstellt, wobei die gleiche Ebene der komischen Übertreibung gehalten bleibt. Keiner der Schauspieler übertreibt seine Rolle. Es handelt sich dabei nicht nur um die markant oder überwiegend verbalen Ansprüche, der Nachtdruck wird auf das Zusammenspiel des Gesprochenen mit der Bewegung, Pantomimik und Mimik gesetzt. (Der mimische Ausdruck, insbesondere bei der Titelgestalt, hat hier eine wichtige Rolle, so dass er vor allem für die Zuschauer in den ersten Reihen ein Ereignis war.) Die Regieauffassung wird auch durch die weißen „Clown“-Gesichte, Perücken, markante Frisuren und Kostüme hervorgehoben. Michal Isteník war ganz einzigartig, seine Auffassung der Rolle des schlauen Seelen-Aufkäufers Tschitschikow wird vielleicht, wie auch die Inszenierung selbst, für einen den alljährlichen Theaterpreisen nominiert werden. (Es ist doch zu früh, darüber zu sprechen, die Theatersaison ist erst am Anfang.) Alle Schauspieler ausnahmslos verdienen, gelobt zu sein, der Hauptgestalt der absurden Geschichte sekundierten sie ausgezeichnet. Ein gelungener russischer Bär war Zdeněk Junák, ein wunderschön aufdringlicher und dabei freundlicher Trinker war Petr Štěpán, mit der Frauenrolle wusste sich auch Jan Mazák zu helfen… es wäre nötig, alle Akteure dieses gelungenen Stücks zu nennen. Die Schauspielerinnen hatten nicht so viele Arbeit, desto mehr fassten sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer dank den witzig gelösten Kostümen von Zuzana Štefunková-Rusínová. Sie machten den Anfang der zweiten Hälfte der Vorstellung mehr lebendig und bunt, im Kontrast zu der monotonen, doch unterhaltsamen Reise des Seelen-Aufkäufers, die die lebenden Seelen der lokalen Persönlichkeiten gleichzeitig mappiert. Die Musik im russischen Geiste (Petr Hromádka) schuf in unterschiedlichsten Formen die Atmosphäre der ganzen Vorstellung gut nach.

Die einfache Szene von Tomáš Rusín wurde von der Regie völlig verwendet. Ein guter Einfall war z.B. die Zügel bei Sitzen auf einem einfachen Stuhl zu verwenden, wodurch die Fahrt in einer ohne Zweifel von drei russischen Pferden gezogenen Kutsche evoziert sein soll. Bei Verwendung dieser so einfachen Mittel wirkte das Rennen von zwei Gespannen, die gegen den Zuschauerraum rasen, sehr suggestiv. Eine Pleaide der Treffen mit unterschiedlichen, immer doch irgendwie gekrümmten Charakteren mit allgegenwärtiger Heuchelei  wurde durch einen Umsturz am Ball gewechselt, der durch den betrunken und ungebetenen Wahrheitsboten Nosdrew (P. Štěpán) verursacht wurde. Charakteristisch war die Szene, in der  Wodka konsumiert wird und wo alle bedeutenden lokalen Bürger mit Befürchtungen meditieren, wer der unbekannte Ankömmling eigentlich ist, was alles hinter seiner Ankunft stecken kann. Das Stück beginnt mit einem gewissen Prolog und endet mit dem Schluss, einer gewissen Zusammenfassung, Botschaft. Im ganzen Stück sind viele für Russland und den russischen Bürger charakteristische Züge spürbar, die wir bei unseren historischen Erfahrungen scharf und empfindlich wahrnehmen. Der Lob gehört ihm auch dafür, dass es der sich anbietenden „billigen“ Aktualisierung nicht unterlag, die entweder von der innenpolitischen Volkskunst (Walfischerei, Aufkäufe von toten Seelen) oder von der aktuellen internationalen Situation ausgehen kann.

Es ist zu ergänzen, dass viele der von Gogol an den Pranger gestellten russischen Züge auch bei den anderen Völkern zu finden sind, einschließlich unserer tschechischen und mährischen Seelen, egal ob lebendigen oder toten. Ungeachtet die Nationalität haben die Menschen haben mehr Gemeinsames als jenes für eine Gemeinschaft Exklusives.

Wir lachen zusammen mit Gogol nicht nur über die russische Großmannssucht, sondern auch über die menschliche Kleinheit, Heuchelei, Falschheit und Niederknien vor Unbekanntem und vermutlich Großem. Wir lachen über uns selbst.

 

 

JUST SCHREIBT AN REJŽEK

Vladimír Just 30. September 2014 zdroj Divadelní noviny

Ich besuchte die Premiere des neusten Opus der Regisseurin Hana Burešová und des Dramaturgen Štěpán Otčenášek, Autorenteams, der im September die Saison nicht in ihrem Mutter-Theater Divadlo v Dlouhé, sondern im Stadttheater Brno gewöhnlich eröffnet. Und dank ihnen kann ich im russischen Geiste deines Briefs fortsetzen: man will nicht mal glauben, dass nicht nur die von dir erwähnten Babel und Olescha, sondern auch der alte Gogol heiß aktuell sein kann. Seinen monumentalen Torso Der toten Seelen, von denen drei geplanten Teilen (Hölle – Fegefeuer – Paradies?) wir nur den ersten Teil vollkommen kennen, denn der Meister nicht bewältigte, die anderen zu schreiben, und was er schuf, dann verbrannte er, fand ich nach der drei Stunden langen Langweile im Nationaltheater (1975) für nicht dramatisch bearbeitbar. Nachdem, was ich bei der Premiere am 20. September in Brno sah, kann ich Die toten Seelen schon für ein aktuelles Werk – symbolische Äußerung des heutigen Marasmus halten. Und am Ende der Inszenierung auch für die frostkalte Formulierung unserer realen Befürchtungen vor einem unberechenbaren Land, „das für Witzen keine Vorliebe hat und sich auf einer Hälfte der Welt ausbreitete. (…) Es läuten wunderschön die Schellen, die zerrissene Luft wird mit Sausewindgeschwindigkeit voran getrieben, Russland rennt vorwärts und die anderen Völker machen ihm widerwillig den Weg frei…“ Das sagt Tschitschikow, der in der hinreißenden Darbietung von Michal Isteník nicht nur seine peinliche Aufgabe in der Geschichte bewertet, sondern auch die Elend von uns im Publikum kommentiert (es helfen ihm dabei Zdeněk Junák als typischer russischer Bär Sobakewitsch, Petr Štěpán als aggressiver, biederer und auch anzeigender Nosdrew, Jan Mazák als unglaublich authentische Frau Korobotschka – ich bitte alle anderen um die Entschuldigung). Und was anders als die Metapher der heutigen Absurdität, in der alles gewechselt werden kann, einschließlich der nicht existierenden Sachen, ist die grundlegende Devise Der toten Seelen? Der tote Muschik hat keinen Nutzwert, trotzdem kann er in einem geschickten Unternehmervorhaben Ware werden: Nichtexistenz wie Grundlage der Existenz, Camouflage wie Quelle des Reichtums und der Prestige. Tschitschikow ist doch kein Mafia-Boss, eher ein kleiner Bastler im Bereich von Betrügen – sein Betrug mit den Seelen ist eigentlich keine Straftat, er wird erst dann strafbar, wenn er in Schulden gerät und sich zeigt, dass er nur mit einer Blase haftet. Desto absurder klingt die monumentale Paranoia, wenn die lokalen Herren glauben (jenes ständiges russisches Gefühl der Bedrohung!), dass es sich um einen gefährlichen Spion handelt, vielleicht sogar um Napoleon selbst. Übrigens – kommen Sie auch dieses russische Konzert zu besuchen, am 8. Januar ins Theater Divadlo v  Dlouhé!

 

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