In der Löwengrube

In der Löwengrube

  • Genre Koncert
  • Bühne Schauspielbühne
  • Premiere8. Dezember 2006
  • Vorstellungsdauer2:20 hod.
  • Anzahl der Wiederaufführungen40
  • Derniére9. April 2010

Drama der Beziehungen /tschechische Uraufführung

In eine, von Löwen volle Grube geriet jemals der Propheten Daniel, in der Löwengrube befindet sich in den dreiziger Jahren vorigen Jahrhunderts auch der Berliner Schauspieler Arthur Kirsch, welcher von seinen fanatischen, vom Nazismus besessenen Kollegen aus dem Theater ausgetrieben wurde, weil er einfach Jude ist. Doch Kirsch – in Verkleidung als „echter“ Deutsche – kehrt zurück und feiert einen grandiösen künstlerischen sowie menschlichen Sieg über Stumpfheit und Brutalität des totalitären Regimes. Das erfolgreiche Spiel, welches mit einem außerordentlichen Widerhall auf vielen Bühnen in Europa auffgeführt wurde und dessen Held ein bisschen an Schwejk erinnert, der mit unschuldigem Gesicht seine Spiele gegen menschlicher Dummheit spielt, bringt an die Zuschauer, außerhalb des außerordentlich erarbeiteten Themas der Humanität und Menschensolidarität, auch das Vergnügen aus einer ungewöhnlich spannenden Geschite sowie aus ihrer Pointe. Es nutzt unterschiedliche Möglichkeiten der Theatergesetzlichkeiten von Komödie und Drama, Überraschungsmomente sowie unterschiedliche Wenden in der Handlung rafiniert aus. Vor allem stellt es die ewige Sehnsucht des Menschen nach Verständnis und Harmonie dar, welche doch leider nur selten erreicht werden können.

Autor

  • Felix Mitterer

Dramaturg

Bühne

  • Daniel Dvořák

Musik

Polacek, „špinavec“

Arthur Kirsch alias Benedikt Höllrigl

Helena Schwaigerová

Strassky, „drsňák“

Meisel, ředitel divadla

Jakschitz, „mladistvý hrdina“

Olga Sternbergová

Eder, jevištní mistr

První úředník gestapa

Goebbels

Pravý Benedikt Höllrigl

Druhý úředník gestapa

Bizzarbild des vernichtenden Fanatismus

Vít Závodský 19. Februar 2007 zdroj Týdeník Rozhlas

Das Stadttheater Brno zeigt in der letzten Zeit glückliche Hand bei der Aufführung der tschechischen Premieren der ausländischen Provenienz – handelt es sich um anziehende Musicaltitel (Olive!, Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat, Die Hexen von Eastwick) oder um Kammer-Schauspielvorlagen (Die Andacht zum Kreuze, Honeymoon Suite). In diesen zweiten Bereich gehört jetzt auch das Stück der modernen deutschen Dramatik – das Spiel von Felix Mitterer In der Löwengrube (1998).

Die Auswahl aus etwa dreißig Werken dieses Schriftstellers und Dramatikers älterer Generation erscheint auf unseren Bühnen eher sporadisch – das Brünner Theater Divadlo na Provázku entdeckte seinerzeit das Mysterium Krach im Hause Gott. Der um etwas jüngere Text ist eine aus der Reihe der faktographisch angepassten Versionen über das abenteuerliche Schicksal des jüdischen Schauspielers Leo Reuss, der nach der skandalösen antisemitischen Verweisung aus dem Berliner Ensemble seine neue Identität im Jahre 1936 im Engagement in Wien fand (aus dem dortigen Volkstheater startete auch Mitterers Drama auf seine erfolgreiche Reise nach den deutschen Ländern), bis er zuallerletzt in der Emigration in Hollywood endete.

In die Löwengrube (also direkt in Berlin) geriet der renommierte Künstler Arthur Kirsch als biblischer Daniel, wenn er nach einer drastischen Rassenschmähung von seinen nazistischen Kollegen („Raubein“ Strassky von Viktor Skála, „Dreckskerl“ Polacek von Tomáš Sagher, Jakschitz von Petr Gazdík) nach einem Jahr wieder, zuerst unerkannt und mit der Visage und eigenartigem Verhalten des raubeinigen doch begabten Bergbewohner aus Tirol Benedikt Höllrigl erscheint. Mit seinen extrem militanten antisemitischen Ansichten macht er nicht nur seine Gegner unmöglich, sondern er selbst wird wie das Vorbild eines vollkommenen arischen Künstlers aus dem Volk vom Goebbels selbst (der junge, nicht karikierende Interpret Lukáš Kantor), Liebhaber seiner Ehefrau, aufgehoben. Bei der Vorlage, die der an der Brünner Uraufführung anwesende und zufriedene Autor selbst für nicht übersetzbar hielt, stellte das Kardinalproblem für den Dramatiker Jiří Záviš gerade ihre Übersetzung dar. Der erfahrene Germanist und Rektor der Janacek Akademie der musischen Künste Václav Cejpek schuf für den spezifischen „tirolischen Dialekt“ einfallsreich einen gewissen stilisierten künstlichen Dialekt. Der Regisseur Stanislav Moša stellte Mitterers zahlreiche, bis unwahrscheinliche Handlungslizenzen zurück, eliminierte Episodengestalten aus der Hinterbühne und für die Autorenkomposition des „Theaters im Theater“ zog er eine Nichter- mehr oder weniger Konversationsebene mit der Balancierung der zeitlosen (Shakespeares und Schillers Passagen), emotionalen, humorvollen sowie sarkastischen Momente bevor, wobei er sich aus einigen existierenden Varianten für einen versöhnlichen Abschluss entschied.

Auf der leeren, schrägen, ins Orchestergraben reichenden Szene mit gemalten Kulissen (Daniel Dvořák), in den den Zeitgeschmack sorgfältig respektierenden Kostümen von Andrea Kučerová und mit der Musik von Zdenek Merta sind der Kern des beinahe zweieinhalb nonstop Stunden dauernden Abends die Schlüsselkreationen. Die Gelegenheit der Zweirolle nutze der „neue“ Abraham Erik Pardus voll aus. Er bewies, auf die profanierten Klischee zu verzichten und mit disziplinierter Plastizität unterschied er die Lage des innerlich widerstehenden ausgepfiffen Juden, rachsüchtigen sowie verzeihenden, von dem lärmenden Bergbewohner aus den Alpen. In einmaligem „Seitensprung“ von ihren Familienpflichten brillierte wieder auf der Szene Alena Antalová, „im Gegenangriff“ der untreuen Partnerin von Kirsch Helena Schwaiger – der eleganten, affektierten und egozentrischen Karrieristin. Ähnlich verstehen wir den neurotischen, altväterisch kultivierten, aber den Hitlerumständen vergeblich widerstehenden Theaterdirektor Maisel (Karel Janský), den ehrenhaften Bühnenmeister Eder von Junák oder die tapfere, durch ihre Entstammung von Jordan stigmatisierte Schauspielerin Olga Sernberg (Lenka Janíková).

In der Löwengrube in Brno gelang es dem jüdischen Schauspieler Kirsch zu bestehen

Josef Mlejnek 4. Januar 2007 zdroj MF Dnes

Das Stadttheater Brno führte in seiner Nicht-Musicalreihe das Spiel des auch bei uns bekannten österreichischen Dramatikers Felix Mitterer aus dem Jahre 1996 In der Löwengrube auf Die Handlung geht in der Zeit des Antritts der Nazis zur Macht vor. Der Ausgangspunkt des realistisch aufgebauten Theaters im Theater ist die Geschichte des Schauspielers Leo Reuss, der wie ein tirolischer Berger im Jahre 1936 bei Max Reinhardt in Salzburg und dann auch in Wien erschien. Im Spiel kehrt der jüdische Schauspieler Kirsch als Benedikt Höllrigel direkt nach Berlin zurück und dort gerät er wie der biblische Daniel in "die Löwengrube". Die Szene wird wie eine lange, schräge Theaterplatte gebildet - wahrscheinlich deswegen, dass alle Protagonisten sich auf schräger Fläche bewegen. Bei der Uraufführung Shakespeares Kaufmann von Venedig wird der Darsteller von Shylock Kirsch (Erik Pardus) ausgepfiffen und die Vorstellung wird nicht zu Ende gespielt. Dem jungen Nazi Strasski (Viktor Skála) und seinen Nachtretern, die das Auspfeifen organisierten und die im Ensemble das entscheidende Wort haben, scheint Kirsches Shylock wenig "jüdisch" zu sein und sie setzten durch, dass diese Rolle von dem rassisch anstandslosen Polacek (Tomáš Sagher) gespielt wird. Kirsch wird also aus dem Theater ausgetrieben, aber er kehrt bald zurück...

Gelungene Regie

Die Autoren wie Franz Werfel, dem Mitterer nahe steht, wussten, im Unterschied zu seinen "goischen" Kollegen, dass die schmerzhaften Tatsachen, die gerade mit dem jüdischen Leiden zusammenhängen, nicht auf vollen Mund ausgesprochen sein können. Zum Glück gelang es der Regie von Stanislav Moša, die zu sentimentalen Passagen auf die ertragbare Weise zu bearbeiten. Alena Antalová in der Rolle Kirsches Frau Helena Schweiger bewies, nicht nur die ganze Breite der exaltierten und egozentrischen Lagen des Verhaltens einer Theaterdiva zu spielen, sondern sie blieb ebenso überzeugend auch in den Momenten, wann alle Masken sowie "Rollen" fallen. Lukáš Kantor karikiert ihren Freund Goebbels nicht, er drückte seiner Gestalt nur ein infantiles, halbwüchsiges Puppenverhalten suggestiv ein.

Jüdischer, von den Nazis bewunderter Schauspieler

Kateřina Bartošová 2. Januar 2007 zdroj Lidové noviny

Das Stadttheater Brno stellte das bei uns noch nicht aufgeführte Stück des gegenwärtigen österreichischen Dramatikers Felix Mitterer In der Löwengrube vor.

Diese Geschichte wurde in Wiener Kreisen zu einer Legende und zog Mitterer mit dem Motiv des Schauspielers an, der mit den Mitteln, die ihm das Theater anbietet, für eine Zeit der Tyrannei widersteht. Er wird aus seinem Theater ausgetrieben, aber er kehrt im Kostüm und mit der Rhetorik seiner Feinde zurück. Die Schwierigkeiten mit der Übersetzung quellen aus der Notwendigkeit, den Unterschied zwischen dem Hochdeutsch und tirolischen Dialekt verständlich zu übertragen, zwischen denen die Hauptgestalt des Schauspielers Arthur Kirsch balanciert. Václav Cejpek bewältigte es und schuf eine Übersetzung, die mit keinem tschechischen Dialekt oder örtlich gefärbten Slang wie mit der Parallele der Sprache des tirolischen Bergers, sondern mit künstlich deformierter Schriftsprache arbeitet, die auch aus dem tirolischen Dialekt ausgeht. Die Inszenierung bringt eine unerwartet ruhige, gute Leistung von Erik Pardus in der Hauptgestalt von Arthur Kirsch. Wirkungsvoll ist auch die Szene von Daniel Dvořák.

Bis heute ist es gültig; je kleiner Künstler, desto größer Nazi

Jiří P. Kříž 14. Dezember 2006 zdroj Právo

Im Stadttheater stellte Stanislav Moša das Spiel In der Löwengrube des irischen Tirolers Felix Mitterer vor.

Siebzig Jahre nach dem Krieg und es erleben immer noch seine tragischen Geschichten. Nur mit der Zeit vermindert sich der Schmerz, der sich in Bitterlächerlichkeit, oft auch in Selbstironie der Erniedrigten und Ermordeten und in an die Übermenschen des Dritten Reichs hingewiesenen Sarkasmus verwandelt. Der neueste Beitrag: In der Löwengrube von Felix Mitterer im Stadttheater Brno. Übersetzung Václav Cejpek, Regie Stanislav Moša. Gute Wahl. Deutschland, Drittel der dreißiger Jahre. Zur Macht kommen Hitlers halbintelligente Kader, Repräsentanten des nationalistischen Sozialismus, den gerade sechzig Jahre nach dem Krieg einer der unseren Durchschnittlichkeitsgenien, Hauptmann der mittelböhmischen Region Bendl, mit der sozialen Demokratie verwechselte... Jude raus! Swing tanzen verboten! Der Kaufmann von Venedig soll sich in der Gestalt von Shyllock in das Bild eines blutdürstigen, treulosen Jude verwandeln. Er wird doch von dem jüdischen Schauspieler Arthur Kirsch dargestellt.

Aus dem Bauer zu einem Künstler

Es konnte nicht gut ausgehen. Es reicht, eine Zuschauerdemonstration für die Rassenreinigung zu organisieren und Kirsch ist dank der nazistischen Kollegen aus dem Theater entlastet. Und wieder eine kleine Analogie: wann werden wir endlich wissen, welche von den späteren Nationalkünstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich für die Abtreibung von Hugo Haas aus dem Nationaltheater Prag einsetzten?! Tuschen, tuschen, es wird uns von unserem tschechischen Charakter befohlen. Doch erst mit dem Austreiben von Kirsch aus dem Theater beginnt In der Löwengrube alles. An einem Tag wird dem Theaterdirektor Meisel (Karel Janský) von einer Nazikohorte, die inzwischen im Theater Macht übernahm (Viktor Skála, Petr Gazdík, Tomáš Sagher), der geniale tirolische Bauer Benedikt Höllrigl, Träger der Rassengrundsätzen, energischer Antisemit aufgezwungen, der sich wegen der Eingebung des Führers über die Wiedergeburt des deutschen Volks entschied, Alpenweiden zu verlassen und Schauspieler zu werden.

Sein Kolossalerfolg wird dank den brüderlichen Rezensenten im ganzen Reich bald bekannt und er wird auch zu Ohren des ideologischen Stratege Goebbels (kränklicher Lukáš Kantor) gebracht. Er wird seinen Stammgenossen aus Tirol gehörig schätzen und feiern. Alles Weiteres ist nur das Werk der Autorenlizenz von Mitterer. Die Geschichte des Vorbilds des Theater-Kirsch, des Schauspielers Leo Reuss, konnte bis zu solchem Endsieg und Gespött der Autoren der Rassengesetzte des Reiches des Führers natürlich nicht kommen.

Und wir sind zu Hause

Ich kann nicht dem Vergleich mit den Produzenten im neu eröffneten Musiktheater Karlín ausweichen. In diesen wird Hitler auf amerikanische Weise zum Gespött gemacht, im Spiel „In der Löwengrube“ des in Irland lebenden Tiroler aus Kitzbühel zeigt sich doch die bittere europäische Erfahrung „der Nürnberger Verweisung“, der Welt, die von den wahnsinnigen Führern des 20. Jahrhunderts gleichgeschaltet wurde. Bei uns fiel Mitteres Spiel auf fruchtbaren Boden. Es genügt nur, das Wort Rassen- mit dem Wort Klassen- ersetzen. Und wir sind zu Hause.

Mošas Regie versuchte keinesfalls, die Absicht mit Worttreue klar zu machen. Die Dialoge fließen leicht, halb ernst und halb mit der einfach entdeckbaren Ironie jedweder Dummheit. Heute mindestens Parteidummheit: Hand in Faust und rrr auf sie! Wer nicht mit uns geht...

Der Stil der Inszenierung wird von der Szene von Daniel Dvořák unterstrichen, welche von der Korrespondenz mit der Strenge der Geschichte bis zum Hyperrealistischen der Theaterkulissen aus dem Anfang der nationalsozialistischen Zeit oszilliert. Die Kostüme von Andrea Kučerová ehren wie immer die Stilisierung der Zeitrealität wie auch die Musikmotiven von Zdenek Merta, die das trügerische, großgermanische und doch ideologische Lallen unterstreichen.

Bravo Erik Pardus!

Eine der besten schauspielerischen Leistungen des Jahres 2006 liefert Erik Pardus in der Zweigestalt von Krisch und Höllrigel. Von den Lagen des aufnahmefähigen Schmerzes eines Juden inmitten der braunen Überschwemmung, der wie ein nicht erkannter Tiroler Zeuge des Verrats der eigenen Frau (ebenso ausdrucksvolle Alena Antalová) wird, bis zum sarkastischen Spott über die stumpfe auch wenn böse Macht. In diesen Lagen kennt sich Pardus noch mehr aus. Mit einem Wort gesagt – hinreißend! In den beruhigten Lagen geben die Menschlichkeit der Geschichte, neben den erwähnten Darstellern von Nazis und auch SS-Männern (Igor Ondříček, Jiří Zmidloch), auch Zdeněk Junák (Bühnenmeister Eder), Lenka Janíková (Schauspielerin Olga Sternbergová) und Jan Mazák (echter tirolischer Bauer Höllrigl). Hm, ein wunderschönes Kommerztheater. Die Verleumder des Stadttheaters Brno werden wieder nicht ruhig schlafen.

Der Autor nahm an der Uraufführung teil

tr 13. Dezember 2006 zdroj Právo

Felix Mitterer, Autor des Spiels In der Löwengrube, kam zur tschechischen Uraufführung im Stadttheater Brno. Die Vorstellung des Regisseurs Stanislav Moša bezeichnete er als wunderschön und demütig. Links die ausgezeichnete Darstellerin einer von zwei Hauptrollen Alena Antalová. Seine Lebensleistung liefert in dieser Inszenierung Erik Pardus (rechts), der die Gestalt des jüdischen Schauspielers darstellt, den die Nazis aus dem Theater austrieben und der in der Verkleidung als tirolischer Bauer zurückkehrt.

In der Löwengrube

Peter Stoličný 1. Dezember -1

Immer aktuelles Thema auf der Bühne in Brno In die Löwengrube geriet einstmals der Prophet Daniel. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts geriet unter die Löwen auch der Schauspieler Arthur Kirsch, weil er nicht nur ein ausgezeichneter und geliebter Schauspieler, sondern auch ein Jude war. Nachdem er von allen allmählich verlassen wurde, musste auch er das Theater verlassen und sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Er verbirgt sich bei den Bauern in Tirol (eine andere Rückkehr von Mitterer zu seinen Wurzeln). Später kehrt er nach Berlin zurück. Wie ein Wundertalent, tirolischer Berger, der ungewöhnlich schnell zu einem Superschauspieler, Idol der überall herausgestrichnen arischen Rasse wird. Er ist wieder berühmt, von den Nazis geliebt. Die bittere Komödie In der Löwengrube erzählt nicht nur über Antisemitismus, sondern sie entdeckt mitleidlos auch die Schwächen der Menschen. Die Rache des Schauspielers Kirsch ist süß. Wenn er wieder ein beliebter Schauspieler wird, beschuldigt er den aktivsten Anhänger von Hitler, dass er ein versteckter Jude ist, übernimmt selbst die Initiative und zeigt den mit Blindheit geschlagenen oder unachtsamen oder ängstlichen Kollegen aus dem Theater, wie die Verfolgung und Angst schmecken. Am Ende muss Kirsch jedoch entdeckt sein. Einige von seinen Kollegen erkennen sogar ziemlich früh, was für ein mutiges bis wahnsinniges Spiel ihr Kollege zu spielen begann, aber sie schwiegen. Der Schauspieler entdeckt die ganze Wahrheit über seine "arische Genialität" selbst und direkt vor dem Goebbels und vor den Journalisten. Er weiß, was ihn erwartet, aber das lohnte sich ihm. Es kann scheinen, dass das Spiel über fanatisches Antisemitismus im unseren geographischen Breitengrad nicht mehr aktuell ist. Es reicht doch die zeitweiligen lauten Äußerungen der Neonazis zu erinnern und es lässt uns erschauern, wie wenig sich im letzten Jahrhundert in Köpfen von einigen Menschen änderte. Nach einem letztmaligen Fußballmatch, in dem den "unseren" ein Ausländer - Schwarze - ein Tor placierte, waren im nächtlichen Brno die Aufschreie "Tschechien gehört den Tschechen" zu hören. Auch in Banská Bystrica war am Abend nach der Niederlage der Slowaken von den Tschechen auf der Hockey-Weltmeisterschaft die alte: Tschechen zu Fuß nach Prag und Juden ins Gas!" zu hören. Irren wir uns nicht, es war nicht im Jahre 1939 sondern im Jahre 2006! Worin steckt die Gehässigkeit? Ist es Menschendummheit? Minderwertigkeitskomplexe? Oder sind es die Früchte des Rassenhasses oder jedwedes anderen, globalen, im Mensch kodierten Hasses? In seiner Ausstattung zu überleben? Ist es überhaupt möglich, in der Gesellschaft einige humanistische Ideale durchzusetzen, in denen auch der Mechanismus der Selbstverteidigung vor solchem Massenidiotismus anwesend wäre? Alle diese Fragen stellt Felix Mitterer in seinem Spiel.

Die Inszenierung im Stadttheater Brno erfüllt alle Vorstellungen über eine qualitätsvolle Realisierung. Der Regisseur Stanislav Moša benutzte nicht die Übersetzung, die das Theaterinstitut Prag anbietet, sondern er vergab die Übersetzung an den wirklich erfahrenen Theaterkenner, PhDr. Václav Cejpek, Rektor der Janacek Akademie der musischen Künste. Dieser bewies schon mit seinen vielen vorigen Übersetzungen seinen außerordentlichen Sprach- und Dramatiksinn. Ich weiß nicht, in wie weit der Regisseur Moša mit seinen Bearbeitungen in den Text griff, aber der Text ist, trotz seinen Ansprüchen, ein wirklicher Bühnentext - einschließlich der immer problematischen Interpretierung des Dialekts (Der ehemalige berühmte Schauspieler Kirsch kehrt ins Theater wie der Berger Höllrigel aus Tirol zurück und spricht mit dem "tirolischen Dialekt"). Auf der Bühne von Daniel Dvořák und in den Kostümen von Andrea Kučeová läuft die Geschichte in den angezeichneten Dekorationen, wo die schauspielerische Leistung dominieren muss. Und diese ist wirklich dominant. Mit der Unterstützung der funktionellen Musik von Zdenek Merta spielt sich vor unseren Augen der allmähliche Fall des berühmten Schauspielers ab, der in Deutschland nach dem Antritt des Faschismus vor allem Jude ist. Dann gehen die triumphale Rückkehr des tirolischen Ariers, Vorbilds der reinen Rasse, der Antritt des gefeierten Schauspielers vor, von dem wir alle wissen, was für eine Tragik sich hinter diesem Triumph verbirgt. Die Doppelrolle des Haupthelds - Schauspielers Jude und Schauspielers Arier, ist schwierig, aber dankbar. Sie scheint, für Erik Pardus geschrieben zu sein. In der Fernsehrolle in der Sendereihe Četnické humoresky oder in der Rolle von Schwejk im Stadttheater Brno weiß Pardus immer, seine komische Lage zu finden, in der auch der Platz für Unsicherheit, für Trauer, Platz für Leid ist. Er ist ein unverfälschter Clown, der weißt, die Zuschauer zum Lachen zu bringen sowie Gänsehaut hervorzurufen. Und genau auf diese Weise erfasste er seinen Juden. Und wenn er noch dazu Shakespeares Sheylok zuerst in einem bravourösen Monolog, dann vor den Vertretern von NSDAP in demselben Monolog wie die Figur eines "abscheulichen Juden" zeigt, muss sich der Zuschauer sagen: Hut ab. Gleichzeitig fällt doch einen ein: eine solche wunderschöne Rolle erscheint nur ein paar Mal im Leben!

Noch eine andere Gestalt verdient, erwähnt zu sein. Frau Schweiger, Ehefrau des Schauspielers Kirsch, allias Höllrigel. Berliner Superstar mit allen Manieren, die dazu gehören. Die Frau, die am Anfang ablehnt zu begreifen, in welcher Zeit sie lebt. Ehefrau eines Juden. Nur schrittweise wird sie von den Umständen gezwungen, den Schrecken des Regimes zu entdecken. Sie kann doch nicht und sie will nicht an ihre wunderschöne schauspielerische Kariere verzichten. Eigentlich gibt sie ihren jüdischen Ehemann auf (muss sie ihn aufgeben?) und kollaboriert mit dem Regime. Es gibt eine Reihe von komplizierten Gefühlsvorgängen, die diese Frau erleben muss. Sie ist nicht amoralisch. Amoralisch ist die Welt, die sie umsteht. Diese schöne Rolle vertraute der Regisseur der Absolventin der Musicalschauspielkunst an dem Konservatorium Bratislava, Alena Antalová, an. Der heute schon an alle Zuschauer bekannte Star der beliebten tschechischen Serienreihen ist vor allem ausgezeichnete Theaterschauspielerin. Sie bewies es schon mehrmals auf der Bühne des Stadttheaters Brno, in Sing- und Tanzkreationen in mehreren Musicals (Eine Welt voller Engel, Nana, Babel, My Fair Lady) oder wie dramatische Schauspielerin der Weltklassik (Cyrano, Diener zweier Herren, Maskerade).

In Mitterers Spiel wartete auf sie die Rolle, die scheint, für Alena Antalová geschrieben zu sein. Der Star stellte einen Star dar. Und sicher auch dank der empfindlichen Leitung des Regisseurs drückte sie auch die kleinsten Nuancen der Frau aus, die aus der Sternenhöhe in die Realität des kommenden totalitären Regimes heruntersteigen muss, in dem es plötzlich keinen Platz für ihren Ehemann - Jude gibt. Es wäre sicher richtig, schrittweise alle Rollen und ihre Darsteller zu nennen, aber es wird vielleicht reichen, wenn wir hier das bekannte Bonmot wiederholen werden, dass es keine kleinen Rollen gibt, wenn sie von großen Schauspielern dargestellt werden.

Die Brünner Vorstellung In der Löwengrube ist eine suggestive Zeugenaussage darüber, dass die Geschichte zwar durch die Menschen gebildet wird, aber die Geschichte ist dann imstande, die menschlichen Charaktere zu ändern, verstärken oder verkrümmen. Im Unterschied zu den Prinzipien des antiken Dramas, wann der Schicksal bestimmt, wie sich jeder verhalten soll, in Mitterers Spiel sind es Menschen, die imstande sind, sich zu Wehr zu setzen und wenigstens für eine Weile den Schicksal zu überwinden. Darüber hinaus ist es ein Spiel, das (leider Gottes) über Geschichte sowohl Gegenwart erzählt. In meinen Ohren höre ich nämlich noch immer jene Aufschreie auf dem Platz in Banská Bystrica, nach dem Hockeymatsch Tschechische Republik - Slowakische Republik: "Tschechen zu Fuß nach Prag und Jude ins Gas". Auch das ist unsers Mitelleuropa. Und deswegen bleibt Mitteres Spiel immer aktuell.

In der Löwengrube

David Kroča 1. Dezember -1 zdroj ČRo 3 Vltava

Das Spiel von Felix Mitterer In der Löwengrube entstand nach einer authentischen Geschichte, die angeblich in den Wiener Künstelerkreisen erzählt wird. Aus der realen Geschichte des jüdischen Schauspielers Reuss, der nach seiner rassistisch motivierten Entlassung aus dem Theater in der Verkleidung als einer Arier auf die Bühne zurückkehrte, wählte der Dramatiker nicht nur wie Verwicklung sondern auch das Thema der persönlichen Tapferkeit des Menschen in einer Grenzsituation aus. Der Autor selbst erklärte bei seinem Treffen mit Journalisten nach der Brünner Uraufführung, dass die grundlegenden Handlungsmotiven ihm wie die Anlage für das Drama dienten, das vor allem über den Entschluss spricht, der unsinnlichen Ideologie Widerstand zu leisten.

Der Protagonist seines Dramas heißt Arthur Kirsch und kehrt nach Theater im nazistischen Berlin zurück, er tritt also wirklich wie der biblische Daniel in die Löwengrube. Der jüdische Schauspieler in der Maske eines wackeren tirolischen Bauers erweckt auf einer Seite Lachen, auf anderer Seite wirkt er wie ein mitleidloser Rächer, wenn er seine Feinde mit ihren eigenen Waffen liquidiert. Den Lakai des Regimes Polack vernichtet er sogar dank dessen, dass er in seinem Gesicht die vermutlichen jüdischen Züge entdeckt: so gibt er ihm seine schmähliche Abfertigung aus dem Theater auch mit Zinsen zurück.

Dem Regisseur Stanislav Moša gelang es, in der Inszenierung die komischen Situationen mit jenen tragischen zu verbinden, und zwar auf eine für Zuschauer dankbare und effektvolle Weise. Die Quelle des Humors sind hier vor allem die Auftritte des verkleideten Krisch, dessen Tirolisch die Sprachnuss der Vorlage ist. Der Übersetzer Václav Cejpek spielte mit Gegensätzen zwischen dem Sprichtschechischen und der stilisierten Sprache dieses eigenartigen Dorfbewohners. Der streng geschlossene Text ist vom Monolog des Juden aus Dem Kaufmann von Venedig von Shakespeare umrändert: während es am Anfang um eine absichtliche schauspielerische Charge geht, am Schluss spricht der Held über dem jüdischen Los gefühlvoll, sondern ohne Pathos. Ausgezeichnet ist auch eine von den Schlüsselszenen ausgebaut: maskierter Krisch hat die Möglichkeit, das ganze System in jenem Augenblick zu diskreditieren, wann er auf der Bühne vom Minister Goebbels wie ein vorbildlicher nazistischer Schauspieler ausgezeichnet ist und in Mikrophon sprechen soll. Das erwartete Abdecken vor den Augen der Nazis findet überraschend nicht statt, weil der Held noch weitere, viel wichtigere Aufgaben hat – nur wie nebenbei rettet er im nachfolgenden Gespräch mit dem Propagandaminister das Leben seiner jüdischen Kollegin.

Das Prinzip des Theaters im Theater macht die bühnenbildnerische Lösung von Daniel Dvořák einfacher; er entwarf schiefe Fläche mit einfachen kaschierten Dekorationen. Ein passender Bestandteil der Inszenierung ist auch die unaufdringliche, sondern die Atmosphäre gut ausbildende Musik von Zdenek Merta.

In der Löwengrube

Jiří P. Kříž 1. Dezember -1 zdroj XANTYPA

Deutschland, erster Drittel der dreißiger Jahre. Zur Macht kommen Hitlers Kader. Jude raus! Der Kaufmann von Venedig soll sich in der Gestalt von Shyllock in das Bild eines treulosen Juden verwandeln. Er wird doch von dem jüdischen Schauspieler Arthur Kirsch dargestellt. Es reicht nur eine Zuschauerdemonstration für die Rassenreinigung zu organisieren und dank seinen Nazi-Kollegen ist er aus dem Theater ausgetrieben. Doch erst mit dem Austreiben von Kirsch beginnt In der Löwengrube im Stadthater Brno alles an. An einem Tag wird von einer Nazikohorte, die inzwischen im Theater Macht übernahm, der geniale tirolische Bauer Benedikt Höllrigl, Träger der Rassengrundsätzen, energischer Antisemit aufgezwungen. Wegen der Eingebung des Führers über die Wiedergeburt des deutschen Volks entschied er sich, Alpenweiden zu verlassen und Schauspieler zu werden. Sein Kolossalerfolg wird dank den brüderlichen Rezensenten im ganzen Reich bald bekannt und er wird auch zu Ohren von Goebbels gebracht. Er wird seinen Stammgenossen aus Tirol gehörig schätzen und feiern. Alles Weiteres ist nur das Werk der Autorenlizenz von Mitterer. Bei uns fiel Mitteres Spiel auf fruchtbaren Boden. Es genügt nur, das Wort Rassen- mit dem Wort Klassen- zu ersetzen. IN DER LÖWENGRUBE wird ernst und nicht ernst gespielt, mit einer der besten schauspielerischen Leistungen des Jahres 2006: in der Doppelrolle von Kirsch und Höllrigel exzelliert Erik Pardus. Von den Lagen des rührenden Schmerzes des Juden inmitten der braunen Sintflut, der als ein unerkannter Tiroler zum Zeuge des Verrats seiner eigenen Frau (ebenso ausgezeichnete Alena Antalová) wird, bis zum sarkastischen Spott an die stumpfe, böse Macht. Mit einem Wort gesagt - hinreißend.

Über die Löwengrube

M. Vidláková 1. Dezember -1 zdroj Tereziner Initiative

Am Freitag den 8.12.2006 fand auf der Schauspielszene des Stadttheaters Brno die Uraufführung des Theaterstücks „In der Löwengrube“ des Autors Felix Mitterer in der Regie von Stanislav Moša statt.

Im Untertitel steht, dass es sich um ein Drama der menschlichen Beziehungen handelt. Aber es geht um viel mehr. Es ist schwierig, richtige Wörter zu finden, die die Gefühle ausdrücken würden ohne die Handlung zu verraten. Und diese möchte ich nicht verraten, weil sie es einfach sehen müssen.

Sehen? Nein. Erleben. Jene zweieinhalb Stunden ohne Pause erlebt der Zuschauer, vor allem ein jüdischer Zuschauer, mit der Hauptgestalt der Geschichte, dem jüdischen Schauspieler in Deutschland der dreißiger Jahre, beinahe atemlos. Es ist kein Drama der menschlichen Beziehungen, sondern ein Kampf um menschliche Würde, um Ehre zu sich selbst, die die Todesangst überwindet.

Die Leistung von Erik Pardus in der Gestalt des jüdischen Schauspielers ist so überzeugend, dass ich ihn fragen musste, ob dieses Thema ihm irgendwie nahe steht. Er stimmte zu. Wird es in Prag, oder vielleicht am Nordpol gespielt, gehen sie es besuchen. Es ist dessen wert, es war ein tiefes Erlebnis.

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